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DIE GEFANGENE

Von Nyx Martinez
»Sie hielt das Handy in ihrer zitternden Hand. Das SMS, welches gerade eingetrudelt war, wollte sie am liebsten gar nicht lesen. Aber Sie hatte es ja heraufbeschworen.
Einen ganzen Monat hatte sie auf seine Rückkehr gewartet und die letzte Woche war die reinste Qual gewesen. Als er den Tag vorher anrief, um zu sagen, er sei wieder in der Stadt, blieb ihr das Herz fast stehen. Zudem hatte sich herausgestellt, dass er nun schon seit vier Tagen wieder zurück war, ohne Kontakt mit ihr aufzunehmen. Sie plauderten ein wenig und lachten, aber als sie ihn fragte, wann sie sich sehen würden, wich er aus.
Heute musste sie unbedingt wissen, was in ihm vorginge, also schickte sie ihm mit dem Handy eine dementsprechende Nachricht.
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»Vergebung ist der Schlüssel, der die Türen der Ressentiments und
die Handschellen des Hasses entriegelt. Sie ist die Kraft, welche die
Ketten der Verbitterung und die Fesseln des Egoismus sprengt.«
E. C. McKenzie
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Sie fürchtete seine Antwort mehr als alles andere, die sie nun schwarz auf weiß vor sich sah: »Er würde nicht wieder zu ihr zurückkommen. Er hätte sich entschieden.« Das war's also!
Wie konnte sie nur wieder denselben Fehler machen. Hatte sie alles so schnell vergessen? Nun, es war nicht das erste Mal, auch die vorigen Beziehungen hatten ein abruptes Ende gefunden. Dennoch sagte sie sich jedes Mal, diesmal ist es anders, dieser Typ ist was besonderes, jetzt klappt's bestimmt. Aber jede Beziehung endete wie die andere, mit einem kurzen, gefühllosen Telefonat oder einer Notiz. Obendrauf endete diese mit einem banalen »können wir Freunde bleiben?« Was für eine Frechheit!
Sie hatte schon so eine Vorahnung, dass das passieren würde Gott hatte versucht sie auf die Entscheidung ihres Freundes vorzubereiten. Aber sie hatte versucht, Gott vom Gegenteil zu überzeugen. Und auch jetzt brachte sie ihre Argumente vor. Ihr gefiel der Ausgang ganz und gar nicht. Das hatte sie einfach nicht verdient.
Sie ging sehr früh ins Bett in der Hoffnung, schlafen und vergessen zu können. Aber als sie sich in ihrem Bett herumwälzte, schossen ihr die Erinnerungen an eine glückliche Zeit durch den Kopf Momentaufnahmen einer Zeit, in der sie gemeinsam lachten, glücklich waren und Spaß miteinander hatten. Jetzt war eine dieser Erinnerungen schmerzlicher als die nächste. All dies war nun Vergangenheit! Wie würde sie je vergessen können, dermaßen von ihm verletzt zu werden?
Nun, künftig würde sie jegliche Gefühle abstellen ganz einfach! Sie würde Abstand von Menschen halten und ihr Herz gegenüber Leuten verhärten.
Zuerst schien das eine gute Idee zu sein, würde sie aber wirklich so den Rest ihres Leben verbringen wollen?
Da sie noch immer nicht schlafen konnte, setzte sie sich an den Computer und begann durch die Titel ihrer digitalen Bibliothek zu scrollen. War es Zufall, dass ihr Blick prompt auf den Titel »Bitterkeit oder Vergebung« fielen?
Ein Teil in ihr schrie, Nein, lies das bloß nicht! Ein anderer Teil flüsterte, Es wird dich befreien.
Sie klickte auf den Artikel, um ihn zu öffnen und fing an zu lesen. Zwar war es nicht das erste mal, dass sie ihn studierte, dennoch nahmen die Worte dieses Mal eine neue Bedeutung an.
Sie las über Menschen, die sehr viel Schlimmeres durchgemacht hatten Frauen, die schlimme Misshandlungen erlitten hatten, Eltern, die ihre Kinder in sinnlosen Unfällen oder Verbrechen verloren hatten, Familien, die der Krieg auseinander gerissen hatte und doch lernten die Betroffenen zu vergeben.
Eine Stunde verging, dann noch eine, und während sie so las, wurde ihr klar, dass vieles, was ihr in der Vergangenheit weh getan hatte, daher rührte, dass sie den Fehlschlägen erlaubte, sie zu verbittern.
In diesen zwei Stunden des Lesens hatten sich ihre Umstände zwar nicht verändert, aber es hatte sich eine Wandlung in ihr vollzogen. Sie fühlte sich erneuert... fast zumindestens. Sie wusste nun, da gab es nur noch eins, das getan werden musste.
Sie klickte in ihrem E-Mail Programm auf »Neue Nachricht« und wusste, dass nun mit dem Ausfüllen des unbeschriebenen Feldes vor ihr der Heilungsprozess beginnen würde. Sie wollte sich dem Problem auf der Stelle befassen und zwar nicht mit Rachegedanken, sondern mit wirklicher Liebe. Also begann sie zu tippen.
»Wenn ich jetzt sagen würde, dass ich wegen deiner Entscheidung nicht sauer war, würde ich lügen. Dennoch weiß ich, dass der Heilungsprozess nur dann beginnen kann, wenn ich dir auch meine Entscheidungen mitteile. Ich betete und bat Gott mir zu helfen, die Zeit mit uns und unsere Trennung mit Seinen Augen zu sehen. Nun, jetzt weiß ich, dass meine erste Reaktion auf deine Entscheidung falsch und eher lieblos war. ›Die Liebe ist geduldig und freundlich. Sie ist nicht neidisch oder überheblich, stolz oder anstößig. Die Liebe ist nicht selbstsüchtig. Sie lässt sich nicht reizen, und wenn man ihr Böses tut, trägt sie es nicht nach.‹ (1. Korinther 13:4-5)
In der Vergangenheit habe ich gewissenhaft mental über meine verletzten Gefühle Buch geführt ›der hat mir das angetan‹, ›er hat das gesagt‹ und ›diese Person hat mich schon wieder damit gekränkt‹, usw. Nach deiner Nachricht war ich heute drauf und dran meiner langen Liste einiges mehr hinzuzufügen.
Heute Nacht habe ich gelernt, dass Gott diese schlechten Erinnerungen nicht unbedingt auslöscht, sie aber so transformiert, dass sie keinen negativen Einfluss mehr auf unsere Gefühle, unser Denken oder unsere Taten haben müssen. Jetzt bin mehr um dein Wohlbefinden besorgt, als um mein eigenes. Ich möchte dir nun vergeben, damit ich erfahren kann, wie es wirklich ist, frei von aller Bitterkeit zu sein. Ich habe ein Zitat gefunden das mir, glaube ich, dabei wirklich hilft. ›Vergebung ist die Befreiung eines Gefangenen und herauszufinden, dass du selbst dieser Gefangene warst.‹
Kannst du mir vergeben und auch meine Vergebung akzeptieren? Und ja, lass uns Freunde bleiben bessere Freunde sogar, weil wir diese Erfahrung gemeinsam durchgemacht haben.«
Dann unternahm sie den letzten Schritt und klickte auf die »Senden« Taste. Flugs verschwand die Nachricht im Äther und mit ihm all der Schmerz und alle Bitterkeit. Die Gefangene war nun frei.
Dies ist eine wahre Geschichte. Ich sollte es wohl wissen, denn ich bin es, die die Gefangene war.
Nyx Martinez ist ein Mitglied der Familie International auf den Philippinen.

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