»Mauern sind unbeliebt,« meinte Robert Frost (1874-1963) in seinem im englischen Sprachraum bekannten Gedicht »Mauern instand setzen.« Doch Brücken sind begehrt. Brücken sind nicht selten Thema in Liedern, wie z. B. in Simon und Garfunkels »Bridge over Troubled Waters.« Man sagt man stifte Frieden, indem man seine »Gegensätze überbrückt.« Wir »bauen goldene Brücken«, wenn wir verletzt wurden und uns Unrecht angetan wurde und wir jemandem vergeben und ihm entgegenkommen wollen. Brücken sind ein Symbol der Versöhnung und der menschlichen Solidarität.
Wahrscheinlich kann man diesen Symbolismus nirgendwo deutlicher sehen als in Mostar, Bosnien Herzegowina. Es ist heute Freitag, der 23. Juli 2004 und ein Replikat der Stari Most, oder »Alten Brücke«, von der die Stadt ihren Namen erhalten hat, soll jeden Augenblick eröffnet werden.
Es dauerte damals 10 Jahre lang, das ursprüngliche Bauwerk zu bewerkstelligen, da jeder der über tausend Steine von Hand gefertigt wurde, um genauestens zu passen. Der Brückenbau wurde schließlich im Jahre 1566 abgeschlossen. Über 400 Jahre lang hielt die Bogenbrücke Invasionen, Kriegen und sogar Erdbeben stand. Allerdings brachten zwei Tage kontinuierlicher Artilleriebeschuss sie 1993 zum Einsturz.
Der Beginn der Eröffnungsfeier steht kurz bevor. Es läuten Kirchenglocken, die sich stimmungsvoll mit den Gebetsrufen aus Mostars Moscheen vermischen.
Ein Kinderchor singt ein in der ganzen Region bekanntes Volkslied. Die Worte sind ein Appell an die Liebe, auf dass sie in guten sowie schlechten Zeiten die Oberhand behalten möge.
Die Rhythmen und Tänze der Derwische aus der Türkei reißen die Menschen mit.
Es sind Jubelrufe zu hören gerade sprangen ein Dutzend junger Männer von Mostar, mit Fackeln gewappnet, vom 30 Meter hohen Steinbogen in den darunter liegenden Fluss Neretva.
Es werden Festreden von wichtigen Persönlichkeiten gehalten .
»Wir müssen zusammenarbeiten um eine neue Ära einzuläuten, in der Dialog, Verständigung und Versöhnung die turbulente Vergangenheit ablösen können.«
»Mit dieser Brücke kann etwas Wunderbares bewiesen werden: Nämlich, dass die Hoffnung über die Barbarei triumphiert.«
»Lasst diese Brücke uns dazu geleiten, eine bessere Zukunft aufzubauen.«
Wir lassen die Festreden hinter uns und mischen uns unter die Menge, um heraus zu finden, was die Brücke den Mostarern bedeutet.
Wir fragen den 55-jährigen Zarisa Velis, Muslim und Maler von Beruf. »Können Sie sich an ihre Emotionen erinnern, als damals die Stari Most zerstört wurde?«
»Es tat mir im Herzen und der in Seele weh, als die Brücke einstürzte. Dennoch konnte es die Leute nicht daran hindern, miteinander zu reden.«
Auf die Frage, wie er sich denn heute abend fühle, antwortet der Borislav Sukic, Kroate und im medizinischen Notfalldienst von Mostar tätig, »Ich fühle mich wie neugeboren und glaube, dass alle Mostarer dieses Gefühl mit mir teilen.«
Ivan Demirovic, 56, einem der Architekten des Brückennachbaus, stellen wir die Frage, warum diese Brücke denn so wichtig sei.
»Mostar war das Florenz des Ottomanischen Reiches und für unterschiedliche Kulturen eine Stadt der Offenheit und Toleranz. Die Alte Brücke stellte eine Tür zwischen Ost und West dar.«
»Warum wurde sie dann zerstört?«
»Die Zerstörung hatte mit Sicherheit die Absicht, den Geist von Mostar zu zerstören, aber wir müssen zeigen, dass dieser Versuch keinen Erfolg hatte.«
»Wie hatte der Krieg Sie persönlich betroffen?«
»Er spaltete die Stadt in Zwei und brach wie ein Sturm über meine Familie ein. Mein Sohn Suleiman wurde im Kampf schwer verwundet, meine Frau und meine Tochter wurden ins Konzentrationslager nach Ljubuski deportiert und ich war für ein Jahr im Gefängnis. Mein Haus auf der anderen Seite des Flusses wurde konfisziert. Aber das liegt alles in der Vergangenheit. Die Brücke ist unsere Zukunft. Mein Sohn und ich haben schwer daran gearbeitet, diese Brücke wieder aufzubauen.«
Wir wenden uns Carlo Blasi zu, einem Architekten aus Italien, der extra gekommen war, bei diesem Projekt mitzuhelfen. »Können Sie uns etwas mehr über die vormalige Brücke erzählen?«
»Die Technologie, die damals angewendet wurde, die Brücke zu bauen, basierte auf perfekter Geometrie. Es ist keine Übertreibung, wenn man ihren Erbauer, Hajruddin, mit seinem Zeitgenossen Michelangelo vergleicht und die Stari Most Brücke mit der Kuppel des St. Petersdoms in Rom. Sie war ein Meisterwerk!«
Wir fragen eine Frau, die darauf wartet die Brücke mit ihren vier kleinen Kindern zu überqueren. »Wie fühlen sie sich bei der Wiedereröffnung dieser Brücke?«
«Ich fühle mich toll! Jetzt weiß ich, was echte Freude bedeutet.«
»Was hat Sie hierher gebracht?«
»Ich konnte es mir nicht verkneifen, die Kleinen zur Eröffnung zu bringen. All meine Kinder sind nach der Zerstörung der Brücke geboren worden, hier ist ihre erste Chance, sie zu überqueren!«
Die Feierlichkeiten gehen dem Ende zu. Der Nachthimmel erstrahlt im Feuerwerk. Das Signal ist gegeben, und tausende heiterer Mostarer eilen, die Brücke zu überqueren.
Die Freude dieser Nacht wird für lange Zeit in den Herzen der Menschen bleiben. Wir beten dafür, dass die Liebe ebenfalls bleibt, wie in jenem berühmten Volkslied: »Auf dass die Liebe in guten sowie in schlechten Zeiten bestehen mag!«
Obwohl die Wunden des Krieges immer noch da sind, hat der Heilungsprozess begonnen. Es ist eine Brücke gebaut worden.