»Es könnte für jemanden das letzte Weihnachtsfest sein!« Ich bin als Kind von Missionaren aufgewachsen und habe diesen Satz, so lange ich mich erinnern kann, wohl jede Weihnachten gehört. Warum gab es für uns immer so viel mehr zu tun, als für die Durchschnittsfamilie, die sich Zeit nahm, sich zu erholen und sich über die freien Tage zu freuen? Hatten wir nicht schon das ganze Jahr über genug getan, anderen zu helfen und Gottes Liebe näher zu bringen? Konnten wir das Fest nicht einfach so feiern, wie ganz normale Leute auch?
Tief in mir kannte ich die Antworten auf diese Fragen, und nach einer kurzen Phase des Selbstmitleids ging ich schließlich dazu über, den »Anlass für das Fest« mit so vielen Menschen wie möglich zu teilen. Es scheint so, als ob die Menschen zu keiner Zeit mehr daran interessiert sind, von Jesus zu hören, als zur Weihnachtszeit; sogar hier in Thailand, wo weniger als 1% der 60 Millionen Einwohner Christen sind. Deshalb ist es eine ganz besondere Möglichkeit, andere Menschen mit Jesus bekannt zu machen.
In den Wochen vor Weihnachten besuchten ich und andere Mitarbeiter von The Family International unzählige Freunde und Bekannte und brachten ihnen Weihnachtskarten, selbstgebackene Kuchen oder andere Geschenke, mit denen wir unsere Liebe und Zuneigung zum Ausdruck brachten. Auch sangen wir Weihnachtslieder und boten an verschiedenen Orten, an denen wir ständig Hilfsprojekte laufen hatten, weihnachtliche Aktivitäten an und brachten die Weihnachtsbotschaft zu vielen Menschen und ganz besonders in die Schulen. Wir trugen unser Programm zwei Wochen lang durchgehend in etwa drei Schulen täglich vor.
So wertvoll und lohnend das alles war, so sehnten wir doch den 27. Dezember herbei, wenn wir für drei Tage Ruhe haben, uns erholen und mit Freunden ein verspätetes Weihnachten feiern würden. Aber Weihnachten 2004 ist es dazu nie gekommen!
Am Morgen des 26. Dezember führten wir gerade eine Weihnachtsfeier für 150 Kinder im Slum von Sapan Ruam, Phuket, nahe des Hafens durch, als ein aufgeregter Mann plötzlich an uns vorbeirannte und etwas über ein Erdbeben rief. Eine verängstigte Menschenmenge folgte ihm in panischer Angst. Wir flohen sofort auf höhergelegenes Terrain und entkamen gerade noch einer massiven Flutwelle, die sich Richtung Landesinnere an uns vorbeiwälzte.
In der Zwischenzeit wurde die gesamte Westküste Thailands in den Würgegriff des Tsunamis genommen, der von einem Erdbeben der Stärke 9,0 auf der Richter-Skala vor der Nordküste Sumatras ausgelöst worden war. Dem Seebeben fielen fast 300'000 Menschen zum Opfer und gilt als das größte humanitäre Desaster der Geschichte. Laut UNICEF waren ein großer Teil der Opfer Kinder, die völlig hilflos von den Fluten überrascht wurden.
Gleich am folgenden Tag begannen wir, an den Nothilfsmaßnahmen teilzunehmen. In den folgenden Wochen trafen wir auf viele Kinder, die unsere Weihnachtsveranstaltungen besucht und mit uns das Errettungsgebet gesprochen hatten, einige von ihnen waren nun Waisen. Ich weiß nicht wie viele von jenen, denen wir nun nicht begegneten, wohl unter den 5000 Opfern waren, die in der Gegend von Phuket durch den Tsunami ums Leben gekommen waren.
Diese Katastrophe hatte mich wahrlich aufgerüttelt und mir zur Erkenntnis verholfen, dass jede Weihnachten und im Grunde ein jeder Tag für jemanden die letzte Möglichkeit sein könnte, wirkliche Nächstenliebe zu erfahren. Tausende kommen in Naturkatastrophen ums Leben, aber viele Tausende mehr sterben täglich, ohne Gottes Liebe jemals gespürt zu haben. Lasst uns so viel tun, wie wir nur können und jede Chance ergreifen, diese Liebe mit anderen zu teilen. Ich persönlich habe unmittelbar dort weitergemacht, wo ich aufgehört hatte, nämlich mit den einheimischen Kindern und den hiesigen Überlebenden des Tsunamis. Es ist mir aber nur möglich mein Bestes in meinem Winkel der Erde zu tun. Kannst du dasselbe in deinem tun?