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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

MARMELADE ALS ANDENKEN

Von Claire Nichols

– Claire Nichols mit ihrem Sohn Evan

Wenn es darum ging, die Zeit mit meinen Kindern zu genießen, stand ich mir nicht selten »selber im Weg«. Sicher entpuppten sich viele kleine unerwartete Ereignisse späterhin als etwas Erfreuliches. Doch genauso oft hatte ich das Gefühl meinen Kindern den Spaß zu verderben, so dass einige Ereignisse erst gar nicht die Chance bekamen, erinnerungswürdig genannt zu werden. Aber dann geschah etwas, was all dies veränderte.

Es begann an einem Montagmorgen. Kaum war mein Mann zur Arbeit gegangen und hatte mich und unsere beiden Kleinen zu Hause zurückgelassen, da fing ich an, die Stunden zu zählen, bis er endlich wieder zu Hause sein würde. Dann würde schon bald wieder Schlafenszeit für die Kinder sein, und zu zweit ging alles viel einfacher.

Die Morgenstunden krochen langsam dahin, endlich war es Nachmittag. Ich hatte gehofft, während des Mittagsschlafs der Kinder etwas Hausarbeit erledigen zu können, aber diese Hoffnung schwand dahin, da Ella, unsere Jüngste, wach blieb, meine Aufmerksamkeit verlangte und unbedingt mit mir spielen wollte.

Als sie endlich einschlief, ließ ich mich in den Sessel im Kinderzimmer fallen, doch noch fast im selben Augenblick wurde mein zweieinhalbjähriger Sohn wach, sprang aus dem Bett und kletterte auf meinen Schoß.

»Ich bin schon aufgewacht, Mami!«, verkündete er, als ob das für ihn eine besondere Anstrengung bedeutet hatte.

»Ja, das stimmt!« Ich versuchte mein Bestes, positiv zu klingen, während ich dachte: Jetzt ist mein Nachmittag dahin. Ich werd heute wohl nichts mehr erledigen können. Ich schaute auf die Uhr. »In zwei Stunden kommt Papa nach Hause«, sagte ich laut, »sollen wir dir eine Kleinigkeit zu essen machen?«

Evan stand auf einem Küchenstuhl, lehnte sich an die Anrichte und half mir, Milch in seine Tasse zu gießen. Ich hätte es lieber ohne seine Hilfe getan, doch musste ich daran denken, was meine Mutter mir neulich sagte: »In seinem Alter möchte er alles selber machen.«

»Aber das ist so frustrierend für mich«, hatte ich mich bei ihr beklagt. »Sogar die einfachsten Sachen werden kompliziert und dauern so viel länger.«

»Es dient doch nur zum Besten«, hatte sie mir geantwortet. »Betrachte es einfach als Lernprozess – all die alltäglichen Dinge, die du mit den Kindern machst, wie Zähneputzen, Händewaschen, Anziehen, Essen zubereiten – für sie ist das alles ganz neu, etwas Neues, was sie lernen und erfahren können. Diese ›Kleinigkeiten‹ bringen ihnen Selbstständigkeit bei und formen ihren Charakter. Denk daran, dass in der Schule des Lebens du die Lehrerin bist und sie die wissbegierigen kleinen Schüler sind.«

Deswegen ließ ich Evan die Milch eingießen. »So, geschafft«, sagte ich, als wir fertig waren.

»Und jetzt möchte ich bitte ein Brot – mit Marmelade drauf.« Er wusste, dass ich nicht nein sagen konnte, wenn er mich so nett und höflich fragte.

Ich ging auf den Kühlschrank zu, aber Evan hatte mich schon überholt und griff nach der Marmelade im Fach.

Hoffentlich rutscht das Glas nicht aus seinen Händchen und geht kaputt, dachte ich – doch schon war es passiert!

Die Marmelade selber befand sich nun säuberlich gehäuft auf dem Küchenboden, aber mit dem zerbrochenen Glas sah es ganz anders aus. Es war überall, in Hunderten von Scherben auf dem ganzen Fußboden verstreut. Ich hielt mir die Hand vor den Mund, damit mein innerer Stress und Frustration nicht aus mir herausplatzten.

»Ich tu das auch nie wieder!«, stammelte Evan reumütig und etwas besorgt.

Verschiedenste Gedanken schossen durch meinen Kopf, schließlich überwand ich mich zu einem kurzen Gebet. Jesus, Hilfe! Ich will nicht die Geduld verlieren. Ich weiß ja, dass es nicht seine Schuld war.

Dann fielen mir die Worte meiner Mutter wieder ein: »...etwas Neues lernen und erfahren.«

Schnell nahm ich Evan in die Sicherheit meiner Arme. »Weil du barfuß bist, müssen wir dir jetzt als erstes Schuhe anziehen, damit du dich nicht verletzt und dann zeig ich dir, wie man vorsichtig sauber macht, wenn mal ein Marmeladenglas auf den Fußboden landet.«

Kurz darauf, während ich den Schlamassel auffegte und Evan mir die Kehrichtschaufel hinhielt, erklärte ich meinem kleinen Schüler die besonderen Eigenschaften von Glas: wie leicht es zerbricht und wie man es am besten zusammenkehrt, wenn’s mal Scherben gibt.

Mutter’s Ratschlag war wirklich weise. Aus dem Malheur eine lehrreiche Erfahrung für meinen Kleinen zu machen, half mir gefasst und ruhig zu bleiben. Anstatt meinen Sohn auszuschimpfen und mir vorzunehmen, ihn nie wieder alleine etwas aus dem Kühlschrank holen zu lassen, konnte ich ihm zeigen, wie man mit Missgeschicken positiv umgeht.

Wir holten ein neues Glas Marmelade aus dem Küchenschrank, bestrichen die Brote mit Butter und Marmelade, machten Kaffee für Mama und richteten den Tisch schön her, um unsere gemeinsame Zeit wirklich zu genießen. In dem Augenblick wurde mir bewusst, dass ich diesen Moment tatsächlich zu genießen imstande war!

»Du bist wirklich ein guter »Hausmann«, Evan!«, lobt ich ihn. »Mama ist so stolz auf dich!« Seine Augen strahlten.

»Evan ist stolz auf dich, Mama!«, erwiderte er ohne zu zögern. Ich lächelte. Wenn ich mir es recht überlegte, war ich auch stolz auf mich.

»Ich denke, ich werde ein neues Glas Marmelade kaufen und es als bleibendes Andenken auf die Anrichte stellen«, meinte ich zu Evan, »denn diesen Moment hier mit dir zu genießen, ist etwas, an das ich mich für immer erinnern möchte!«




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