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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

WEIT ÜBER MENSCHLICHE
GRENZEN HINAUS



Wenn uns Unrecht angetan wurde, tun wir uns manchmal schwer, den Verursachern zu vergeben. Dann helfen uns die Beispiele von anderen, die viel größeres Unrecht haben vergeben können, alles im rechten Licht zu sehen. Wenn diese Menschen von der Kraft der Vergebung sprechen, hält die Welt den Atem an und merkt auf.

Wenn wir über Vergebung nachdenken, könnten wir möglicherweise die Angst bekommen, dass begangenes Unrecht nun ungestraft seiner Wege gehen soll. Als wenn Vergebung meinen würde, das Böse in der Welt könne fortan straffrei ausgehen.

Dennoch sollte man genauer betrachten, was Unrecht in mir auslöst – dass es nämlich den Wunsch in mir nährt, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Damit aber sehe ich alles durch die verdunkelten Augengläser des Bösen. Es lähmt mich und entfremdet mich vom Leben. Vergebung heißt Abschied vom Bösen zu nehmen, um nicht mehr davon geleitet zu sein.

Der Prozess zur Versöhnung braucht sicher seine Zeit, da auch die andere Seite ihre Schuld einsehen muss. Aber um jemandem zu vergeben brauche ich nicht zu warten oder zu zögern. Vergebung gibt mir die Freiheit, jetzt zu lieben. Wenn wir diese Freiheit erlangen, wird uns bewusst, dass die Verursacher des Unrechts sich schlussendlich selbst verletzen.
-- Pater Andrijy Vrane, Kroatischer Überlebender des Bürgerkrieges der 90er im ehemaligen Jugoslawien.

Ich war zutiefst von ihm berührt. Ich spürte die Aufrichtigkeit seiner Entschuldigung. Ich möchte ihn bei der Hand nehmen und ihm zeigen, dass es eine Zukunft für ihn gibt und er sich ändern kann.
- Perla Facu in Südafrika, erklärte in diesen Worten, warum sie Eugene de Kock vergab, der Mann, der während der Apartheid der Drahtzieher hinter einer Bombenexplosion war, die in der kleinen Gemeinde Motherwell in Südafrika ihren Ehemann und drei andere tötete.

Eure selbstlose Liebe unserer Familie gegenüber hat für die Heilung gesorgt, die wir so dringend benötigten. Eure Gaben haben uns in einer Weise berührt, die man nicht mit Worten beschreiben kann. Euer Mitgefühl reichte über unsere Familie und unsere Gemeinde hinaus und verändert unsere Welt, wofür wir euch von Herzen dankbar sind.
- Marie Roberts, Witwe von Charles Carl Roberts, in einem offenen Brief an ihre Amischen Nachbarn, in dem sie ihnen für ihre Vergebung, Gnade und Barmherzigkeit dankt. Der Hintergrund: Am Morgen des 2. Oktober 2006 betrat Charles Roberts das Einzimmerschulhaus, einer Amischen Gemeinde in der Stadt Lancaster, Pennsylvanien, USA. Er nahm 10 junge Mädchen als Geiseln, fesselte sie, schoss auf sie und tötete dann sich selbst. Fünf der Mädchen – alle waren Amisch – starben. Kommentatoren in der ganzen Welt waren von der Vergebung, die von den Amischen ausgedrückt wurde, zutiefst erstaunt – Vergebung, die sich nicht nur in Worten ausdrückte, sondern auch in Taten der Liebe gegenüber Roberts trauernder Familie.

Während eines Gottesdienstes in München sah ich ihn plötzlich, ein ehemaliger SS-Soldat, welcher damals die Tür zur Dusche in der Abfertigungshalle in Ravensbrück bewachte. Er war der erste Gefängniswärter, der mir seit jener Zeit wieder begegnet ist. Plötzlich war alles wieder da – der Raum mit den spottenden Männern, die Berge der Kleidung, Betsies (meine Schwester) bleiches, schmerzverzogenes Gesicht. Als die Kirche sich leerte, kam der Mann strahlend auf mich zu und verbeugte sich ehrfürchtig. »Ich bin ihnen sehr dankbar für ihre Predigt, Fräulein« sagte er. »Zu wissen, dass Jesus – wie sie sagten – mich von Sünde rein gewaschen hat.« Er streckte mir seine Hand entgegen um meine zu ergreifen. Und ich, die ich so oft von der Notwendigkeit des Vergebens predigte, hatte Schwierigkeiten seiner Geste entgegenzukommen. Aber sowie die Gefühle der Wut und der Vergeltung anfingen in mir aufzuwallen, erkannte ich deren Sündhaftigkeit. Jesus Christus ist für diesen Mann gestorben, wollte ich denn noch mehr fordern als das? Herr Jesus, betete ich, vergib mir und hilf mir, ihm zu vergeben. Ich versuchte zu lächeln und kämpfte damit, ihm meine Hand entgegenzustrecken, aber es war mir einfach nicht möglich. Ich verspürte einfach keine positiven Gefühle für ihn, nicht den kleinsten Funken Wärme oder Nächstenliebe. Und so sprach ich wieder ein stilles Gebet. Jesus, betete ich, ich kann ihm nicht vergeben. Gib mir Deine Vergebung. Als ich dann seine Hand ergriff, geschah etwas Unglaubliches. Von meiner Schulter abwärts den Arm hinunter und durch meine Hand hindurch schien etwas von mir zu ihm zu strömen, während mein Herz von einer Liebe für diesen Fremden erfüllt wurde, die mich einfach überwältigte. Und so entdeckte ich, dass der Heilungsprozess dieser Welt nicht von unserer Vergebung oder Güte abhängt, sondern von Jesus selber. Wenn Er uns sagt, unsere Feinde zu lieben, gibt Er uns dann zusätzlich zu dem Gebot auch die Liebe selbst.
– Corrie ten Boom, niederländische, christliche Überlebende eines 2. Weltkrieges – Nazi- Konzentrationslagers, in dem ihr Vater und ihre Schwester starben.

»Warum sollte ich jemandem vergeben, der sich nicht bei mir entschuldigt?« werde ich oft gefragt. Ich sage dann: »Das Leben ist zu kurz, um lange auf eine Entschuldigung von jemanden zu warten.« Zu sagen »ist in Ordnung – ich vergebe dir«, hängt nicht davon ab, ob andere bekennen, dass es ihnen Leid tut. Für mich ist das keine Bedingung. Im ›Vater Unser‹ steht ja auch nicht »Bitte vergib mir zuerst, damit ich dann anderen vergeben kann«. Jesus lehrte, dass wir anderen vergeben müssen, bevor wir selbst um Vergebung bitten können.
– Stella Sabiti, die in den 70ern während der Herrschaft des Diktators Idi Amin in Uganda gefoltert wurde. Heute ist sie Geschäftsführerin des Zentrums für Konfliktlösung (CECORE), eine ugandische nichtkommerzielle und nichtstaatliche Organisation, 1995 von Frauen gegründet wurde, die alternative und kreative Lösungen zur Vermeidung, Behebung und Bewältigung von Konflikten anstreben. Sabiti verbreitete die Botschaft von Vergebung und Versöhnung in allen fünf Kontinenten und war instrumentell bei der Behebung von blutigen Konflikten in über einem halben Dutzend afrikanischer Länder.


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