Am Tage nagte es dauernd an ihm, aber die Nächte waren noch viel schlimmer. Er hatte seinen besten Freund verraten. Nicht im Stillen, nicht im Geheimen, sondern offenkundig, vor aller Augen, so dass die ganze Welt es sehen konnte. Und nun war es zu spät, um »es tut mir leid« zu sagen, denn sein Freund war tot.
Petrus wälzte sich schlaflos hin und her, doch es gelang ihm einfach nicht, eine bequeme Position finden. Draußen konnte er den Lärm des erwachenden Jerusalems hören. Einst hatte er diese Stadt gerne besucht, jetzt hasste er sie. Zu viele schmerzhafte Erinnerungen, die er nicht aus seinem Gedächtnis löschen konnte, verbanden sich mit ihr. Heute würde er nach Galiläa zum Fischen aufbrechen, auch wenn für ihn sogar das Fischen nichts mehr verlockendes an sich hatte. Nichts konnte ihn mehr aufmuntern.
Wie konnte ich ihn nur so sehr beschämen? Wie konnte ich nur? Petrus, du ver... Feigling! Zum tausendsten Mal verfluchte er sich selbst. Er war mein Freund! Wie konnte ich meinem besten Freund das nur antun?
Er sah vor sich, wie Jesus unter dem Jubel Tausender auf dem Esel den Hügel nach Jerusalem herunter geritten kam. Er sah, wie er in heißer Wut mit Münzen beladene Tische im Tempel umwarf. »Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Räuberhöhle gemacht«, hatte ihnen der Meister in vorsichtig abgewägten, jedoch beißenden Worten vorgeworfen.
Petrus erinnerte sich, wie Blinde plötzlich sehen, Lahme plötzlich laufen konnten und wie die schreckliche Haut eines Leprakranken einen Augenblick, nachdem Jesus sie berührte hatte, plötzlich babyzart wurde. Er sah vor seinen Augen das Lächeln Jesu, sein Mitgefühl, seine Stunden des geduldigen Lehrens. Er fühlte die Hand seines Meisters nach einem langen Tag auf seiner Schulter, an dem sie sich um die Volksmassen gekümmert hatten. Die Worte, die er dabei sprach, wiederholten sich immer wieder in seinen Gedanken: »Danke, Petrus, für all deine Hilfe heute. Du bist ein wahrlich treuer Freund ... ein treuer Freund ... treuer Freund.« Tränen stiegen in Petrus Augen auf. Treu? Ausgerechnet ich?
Als die Soldaten des Hohepriesters versucht hatten, Jesus gefangen zu nehmen, hatte Petrus seinen Meister mit einem Schwert verteidigt. Doch später, als ein Dienstmädchen ihn herausgefordert hatte: »Du bist einer seiner Jünger, oder nicht?«, hatte er das unter Schwur verleugnet. Ein einfaches Dienstmädchen! Doch immer wieder hatte er die feige Lüge wiederholt, bis der Hahn krähte und Jesus ihm von der anderen Seite des Gerichtshofes einen Blick zuwarf. Ein trauriger und enttäuschter Blick war es. Dann hatte Petrus sich weggerissen und rannte nur noch, weg von dem Haus des Hohenpriesters, weg in die dunklen Gassen hinaus. Er war gerannt, bis er nicht mehr konnte, bis er sich schluchzend auf die gepflasterte Straße geworfen hatte.
Später am Morgen hatte er aus sicherer Distanz zugesehen, wie sie seinen Freund verspotteten und quälten, schließlich seine Hände und Füße mit großen Nägeln durchschlugen und ihn an einem Kreuz aufhängten, bis schlussendlich sein Leben verwirkt war. Er konnte diese Stadt keinen Tag länger ertragen!
Das fahle Licht des Morgengrauens zeigte sich unter der Tür. Die Nacht war endlich vorbei; heute würde er gehen. Heute würde er wegrennen, zurück zum einzigen Leben, das er kannte. Heute würde Petrus diese blutige Stadt hinter sich lassen.
Klopf! Klopf! Klopf! Die Tür neben ihm zitterte von dem wiederholten Klopfen. Petrus griff nach seinem Schwert und stellte sich leise hinter die Tür.
»Petrus, Johannes, es ist Maria! Lasst mich rein!«
Es war die Stimme einer Frau, Maria Magdalena, eine von Jesu engsten Vertrauten, die monatelang mit ihnen herumgereist war. Petrus entsicherte die Tür und Maria schlüpfte hinein. Sie atmete mehrmals tief durch, bevor sie sprechen konnte, dann platzte die Botschaft aus ihr heraus: »Sie haben den Leichnam gestohlen! Jesu Leichnam ist weg und wir wissen nicht, wo sie ihn hingebracht haben!«
Johannes, der jetzt hellwach geworden war, schaute Petrus an und warf dann seine Kleidung über. Petrus rannte aus der Tür und die Straße hinunter, raste um Ecken, rannte zum Grab in dem Garten, wo Jesu Leichnam hineingelegt worden war.
Jetzt war Johannes nahe hinter ihm. Jünger und schneller wie er war, überholte er Petrus bald. Als Petrus beim Grab ankam, stand Johannes davor und spähte hinein. Der riesige Stein, der die Entweihung des Grabes verhindern sollte, war weggerollt. Petrus schob sich hinein. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an das Dämmerlicht in der dunklen Kalksteinhöhle zu gewöhnen.
Dort lag das leinene Grabtuch, das Schicht für Schicht um Jesu Körper gewickelt gewesen war. Es lag auf dem aus Stein gemeißelten Lager, auf dem der Leichnam gelegen hatte. Doch jetzt, mit nichts mehr drin, lag das noch gewickelte Tuch zusammengefallen und leer da, wie nach der Verpuppung eines Schmetterlings. Separat dazu lag das Tuch, das um Jesu Kopf gelegt war, gefaltet da.
Petrus blickte sich nach Johannes um und deutete ihm hineinzukommen. Wie seltsam! Wenn das Grab ausgeraubt und der Leichnam gestohlen worden wäre, hätte er erwartet, dass die Tücher nicht mehr da wären. Oder in einem Durcheinander überall in der engen, steinigen Kammer ausgebreitet. Doch hier befanden sie sich, ordentlich zusammengefaltet und noch teilweise im gewickelten Zustand.
Johannes und Petrus schauten sich gegenseitig an. Petrus konnte das leichte Lächeln bemerken, das sich um Johannes‘ Mundwinkel andeutete.
Was ist, wenn...? Was ist, wenn...er auferstanden ist? Petrus ging nach Jerusalem zurück, doch mit jedem Schritt eilte er ein bisschen schneller. Was ist, wenn er nun doch auferstanden ist?
Als Petrus um die Ecke zur Gasse kam, wo er wohnte, konnte er von weitem eine Person an der Tür ausmachen, die offentsichtlich auf ihn wartete. Eine ihm sehr vertraute Gestalt Jesus!
Und Petrus rannte nur noch, um ihn zu begrüßen!