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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

DAS HAUS, DAS LEUCHTETE

Autor unbekannt



Es war Heiligabend, und der arme, kleine Johann, ein Waisenjunge ohne Zuhause oder Familie, zu der er hätte heimgehen können, stapfte erschöpft durch den Schnee. Sein Mantel war abgetragen und durchnässt vom geschmolzenen Schnee. Seine abgenutzten Schuhe waren an den Nähten aufgeplatzt, so dass seine Füße durch die Kälte ganz klamm und taub geworden waren. In seiner Mütze, die er ganz tief über Stirn und Ohren gezogen hatte, war auch schon Löcher, die den eiskalten Wind hineinließen. Die Sonne war längst untergegangen und in der einbrechenden Dunkelheit schleppte sich der kleine Junge noch immer auf seinem tristen, einsamen Weg dahin. Wenn ich doch nur einen Unterschlupf, einen Platz zum Aufwärmen finden könnte, dachte er. Wenn mir doch jemand etwas zu essen und etwas Warmes zu trinken geben würde!

Als er am Waldrand anlangte, erblickte er ein kleines Dorf, eingebettet in ein kleines, vor ihm liegendes Tal mit einigen sehr schönen, großen Häusern auf den Anhöhen ringsherum. Lichter glänzten durch die Fenster und Rauchfahnen kringelten und wanden sich aus vielen Schornsteinen und verschmolzen mit den Wolken am Himmel. Im Herzen des kleinen Johann keimte Hoffnung auf. Bestimmt würde er hier, in einem all dieser schönen Villen, jemanden finden, der ihm helfen würde. Er ging schneller, denn er war sich sicher, dass seine Schwierigkeiten bald ein Ende finden würden.

Es dauerte nicht lange, da gelangte er an den Eingang einer vornehmen, großen Villa. Viele Lichter glitzerten dort in den Fenstern und ein besonders helles über der Eingangstür. Leute, die es sich leisten können, in solch einem Haus zu wohnen, müssen viel Geld haben, dachte er sich, und die werden einem armen, hungrigen, kleinen Jungen nur allzu gerne helfen wollen.

Ganz unerschrocken ging er also auf die Eingangstür zu. Auf Zehenspitzen konnte er gerade noch den Griff der Glocke erreichen. Er zog kräftig daran, doch das machte solch einen Lärm im Innern des Hauses, dass ihn die Angst überfiel. Er wurde noch ängstlicher, als sich die große, dicke Eichentür weit öffnete und ein hochgewachsener Mann in vornehmer Kleidung auf ihn herunterblickte.

»Hast du die Glocke geläutet?«, fragte der Hausdiener stirnrunzelnd.

»J-j-j-ja«, stotterte Johann, »m-m-mir ist sehr kalt und ich bin so hungrig, und ich dachte, dass Sie …«

»Es ist Heiligabend«, unterbrach ihn der Diener ungeduldig, »und das Haus ist voller Gäste. Entschuldige, aber wir haben jetzt keine Zeit, uns mit deinen Wünschen zu beschäftigen. Gute Nacht.« Und die Türe schlug zu.

»Oh«, sagte Johann zu sich selbst, »ich hätte nie gedacht, dass jemand sowas tun würde. Aber vielleicht sind sie hier einfach zu beschäftigt . Ich muss es anderswo versuchen.« So ging er die Straße hinunter in Richtung Dorfmitte. Er vermied die anderen großen Villen auf dem Weg dahin, aus Angst, dass die Leute auch dort keine Zeit dafür haben könnten, sich zu Weihnachten um einen hungrigen, kleinen Jungen zu kümmern.

Aus dem ersten Haus, das er in der Dorfmitte erreichte, klang Musik und Gelächter. Er dachte, dass hier bestimmt sehr freundliche Menschen leben mussten, so klopfte er sanft an die Tür. Doch in dem Haus war so viel Lärm, dass er noch einmal klopfen musste und noch einmal, jedes Mal lauter als zuvor.

Endlich schwang die Türe auf und ein junger Mann, der einen lustigen Papierhut trug, schaute heraus.

»Entschuldigung,« sagte Johann, »aber ich wollte fragen, ob ...«

»Ich bedaure«, antwortete der junge Mann, »wir feiern gerade eine Weihnachtsparty und können die jetzt nicht unterbrechen.«

»Aber bitte, bitte!«, flehte Johann.

»Tut mir Leid! Gute Nacht!«, entgegnete der junge Mann. Wumm! Die Tür fiel ins Schloss.

Furchtbar enttäuscht ging Johann zur nächsten Tür, doch die Leute dort hörten ihn überhaupt nicht. So laut er auch klopfte, es half nichts, sie machten zu viel Krach und Lärm.

Am nächsten Haus wies ihn ein mürrischer alter Mann zurecht, dass er schleunigst nach Hause gehen und die Nachbarn nicht belästigen sollte. Nach Hause gehen?, dachte Johann. Wie soll das gehen, ich hab doch kein Zuhause?

An einer weiteren Haustür wurde ihm gesagt, dass er sich an einem anderen Tag nochmals melden solle und die Leute ihm dann vielleicht helfen würden. Aber er brauchte jetzt Hilfe!

So ging er weiter von Haus zu Haus, durch das ganze Dorf, klopfte an und bat um Obdach und Essen, fand jedoch nichts. Ohne Hoffnung und gebrochenen Herzens stapfte er in die Nacht hinein und ließ die funkelnden Lichter immer weiter hinter sich. Ihm war nach Aufgeben zumute, er war so müde, hungrig und entmutigt.

In dem Moment sah er auf und erspähte ein kleines, altes Bauernhaus, an dem er fast vorübergegangen wäre. Es war so unscheinbar und dunkel, dass er es unter normalen Umständen übersehen hätte, wenn nicht der weiße Schneeteppich auf der Erde es hervorgehoben hätte. Ein Vorhang verhüllte die Sicht durchs Fenster, aber feine Lichtstrahlen schimmerten unter der Tür hindurch und durch die Spalten im Gebälk.

Johann stand einen Moment still und fragte sich, was er tun sollte. Wagte er es, hier noch anklopfen? Aber was würde das schon helfen? Wenn all die Leute in den schönen, großen Häusern, die so viel Geld für Partys und schöne Dinge haben, es sich nicht leisten können, einem armen Jungen zu helfen, wie vermochte es dann jemand, der in solch einer kleinen Hütte lebt? Nein, es nützte alles nichts, es war wohl besser, niemanden mehr zu belästigen.

Dann überlegte er es sich nochmals. Er hatte an so vielen Türen angeklopft, dass es nicht schaden konnte, es auch noch an der letzten zu probieren. So bog er von der Straße ab, ging den schneebedeckten Gartenweg entlang auf das Haus zu und klopfte sachte an die Tür.

Einen Moment später wurde die Tür behutsam geöffnet und eine ältere Frau spähte hinaus. »Oh, mein Gott«, rief sie aus, »was machst du denn hier draußen in dieser kalten Nacht?«

»Bitte...«, begann Johann. Doch noch bevor er ein weiteres Wort sagen konnte, hatte sie die Türe weit aufgerissen und ihn hineingezogen.

»Du armes Kind!«, entfuhr es ihr. »Meine Güte, du bist ja ganz durchnässt, unterkühlt und mit Sicherheit hungrig. Zieh schnell die nassen Sachen aus! Wart einen Augenblick, ich werde dir dabei helfen, ich will nur das Feuer anfachen und den Topf aufsetzen.«

Johann schaute sich um und sah, dass das einzige Zimmer des Häuschens nur spärlich möbliert war. Das Licht, welches er durch die Ritzen im Gebälk gesehen hatte, schien von der einen Kerze, die auf dem Kaminsims stand. Aber er hatte keine Zeit, sich weiter umzusehen, denn die freundliche Frau zog ihm nun schnell die nassen Lumpen vom Leib und wickelte ihn in eine Decke. Dann setzte sie den Jungen an den Tisch und stellte eine Schüssel dampfender Suppe vor ihn hin.

Als sie zurückging, um in dem Topf auf dem Herd zu rühren, bemerkte sie plötzlich etwas und schaute hoch. War das ein Traum oder täuschten sie ihre Augen? Das kärgliche Kerzenlicht war einem warmen, überirdischen Leuchten gewichen, das mit jeder Minute heller wurde und jede Ecke der kärglichen Behausung mit einem himmlischen Licht erfüllte. Die verblichenen Möbelstücke schienen zu leuchten und zu funkeln wie glänzendes Gold, als wenn Gott einen Tempel mit Seiner Herrlichkeit gefüllt hätte.

Der reiche Mann, der gerade von seiner Villa am Hügel talwärts blickte, rief plötzlich ganz aufgeregt: »Da ist ein seltsames Licht im Tal. Schaut! Es sieht aus, als ob die Hütte der Witwe Gutherz in Flammen steht!« Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus, und alle Leute verließen schnell ihre Partys und Feste, hüllten sich in warmer Kleidung und rannten hinaus, um nachzusehen, was dort nur geschehen war.

Alle wunderten sich über das helle Licht. Als sie auf die Hütte zugerannt kamen, sahen sie wie das kleine, alte Landhaus richtiggehend leuchtete. Dort angekommen, spähten sie neu­gierig durch die Ritzen des Häuschens ins Zimmer hinein, konnten jedoch nur die liebe alte Frau sehen, wie sie sich um denselben Jungen kümmerte, der in dieser Nacht an ihren Türen angeklopft hatte.

Langsam verblasste das Licht schließlich. Aufgeregt klopften sie nun an die Tür, um sich zu erkundigen, was denn geschehen sei. »Ich weiß es wirklich nicht«, sagte die Witwe Gutherz, mit einem erfüllten Lächeln voll wunderbarer Freude im Gesicht, »ich konnte eine leise Stimme vernehmen, die zu mir sprach: ›Was ihr dem geringsten meiner Kinder getan habt, das habt ihr auch Mir getan.‹«
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1 Matthäus 25:40

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