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Titel: "Lese-Ecke": Deine geistige Nahrung - täglich frisch serviert.

MIT DEN AUGEN EINES KINDES

Autor unbekannt



Es war kurz vor Weihnachten. Wir hatten unsere lange Fahrt unterbrochen, um in einem kleinen Lokal einen Imbiss zu uns zu nehmen. Dort setzte ich unseren kleinen Martin in den bereitgestellten Hochstuhl. Mir fiel gleich auf, dass wir die einzige Familie waren und die Gäste sich alle in gedämpftem Ton unterhielten. Plötzlich quietschte Martin laut und krähte voller Freude: »Allo, allo daa!« Er patschte mit seinen pummeligen Händchen auf die Tischablage des Hochstuhls und seine Augen waren ganz groß vor Aufregung. Seinen kleinen Mund hatte er zu einem großen Lächeln geöffnet, so dass seine paar Zähnchen zu sehen waren. Dabei zappelte er vor Freude in seinem Sitz herum und lachte laut.

Ich sah mich um und entdeckte die Ursache seiner Fröhlichkeit. Es war ein älterer Mann in einem arg abgetragenen, schmuddeligen Mantel. Seine Hosen waren ausgebeult und seine Zehen ragten aus löchrigen Schuhen hervor. Seine Haare waren ungekämmt und ungewaschen, und seine Backenstoppeln waren zu kurz, um sie Bart zu nennen. Auf seiner Nase zeichneten sich so viele Venen ab, dass sie wie eine Straßenkarte aussah.

Seine Hände winkten und wedelten wie wild hin und her. »Hallo kleiner Wicht! Hallo, großes Kerlchen! Ich kann dich sehen, du Schlingel«, rief er Martin zu.

Unbehaglich wechselten mein Mann und ich Blicke, Was sollen wir nur tun? Martin lachte weiter und rief zurück: »Alloo, duu da!« Inzwischen hatten alle im Restaurant das Spielchen mitgekriegt und blickten in unsere Richtung, dann in die des Mannes. Der Alte wird langsam zur Belästigung – und das ausgerechnet mit unserem kleinen Martin, ereiferte ich mich im Stillen.

Unser Essen wurde serviert, und der Mann hörte nicht auf damit, durch den ganzen Raum zu rufen: »Kennst du Backe, backe Kuchen und Kuckuck? Sieh mal einer an, er kennt Kuckuck!« Niemand schien den Alten lustig zu finden. Meinem Mann und mir war es peinlich. Wir aßen schweigend – alle, außer Martin, der sein ganzes Repertoire vor dem staunenden alten Mann auspackte, was von diesem mit ermunternden Kommentaren begrüßt wurde.

Endlich waren wir mit dem Essen fertig und machten uns zum Ausgang auf. Mein Mann ging bezahlen und bat mich, schon einmal vorzugehen, und ihn auf dem Parkplatz zu treffen. Der Alte wartete zwischen mir und dem Ausgang. Lieber Gott, lass mich hier nur rauskommen, bevor er mich oder meinen Martin anspricht, flehte ich still. Als ich dem Mann näher kam, drehte ich ihm den Rücken zu, um ihm auszuweichen und jeden Hauch seines Atems zu vermeiden. In dem Moment lehnte sich Martin über meine Schulter zu ihm hinüber und streckte beide Ärmchen aus in einer erwartungsvollen »Heb-mich-hoch«-Haltung. Noch bevor ich ihn zurückhalten konnte, hatte sich Martin meinem Griff entwunden und war in den Armen des Alten gelandet.

So geschah es ganz unerwartet, dass ein alter, verwahrloster Mann und ein junges Kind ihre Liebe zueinander ausdrückten: Voller Vertrauen, Zärtlichkeit und Hingabe legte Martin sein Köpfchen an die Schulter des Mannes. Die Augen des Alten schlossen sich, und ich sah Tränen zwischen seinen Wimpern hervorquellen. Seine von Schmutz, Schmerzen und harter Arbeit gealterten Hände wiegten mein Baby zart und behutsam und streichelten seinen Rücken. Noch nie haben sich zwei Wesen für so kurze Zeit so innig geherzt. Ich konnte nur staunen und sah dem Ganzen ehrfürchtig zu.

Eine einen Moment schaukelte und wiegte der Alte meinen Martin so in seinen Armen, dann öffneten sich seine Augen. Er schaute mich ganz eindringlich an und sagte in festem, bestimmendem Ton:
»Kümmern Sie sich gut um den Kleinen!«
Mir steckte ein dicker Kloß im Hals und ich konnte nur mit Mühe flüstern: »Ja! Werde ich bestimmt.«

Fast widerwillig und sehnsüchtig, als täte es ihm weh, löste er Martin von seiner Brust. Ich nahm meinen Jungen entgegen und der alte Mann dankte mir: »Gott segne sie, liebe Frau. Damit haben Sie mir ein kostbares Weihnachtsgeschenk gemacht.« Ich konnte nichts weiter hervorbringen als ein gemurmeltes Dankeschön.

Mit Martin in meinen Armen lief ich zum Auto. Mein Mann wunderte sich, warum ich Tränen in den Augen hatte, weshalb ich Martin fest an mich drückte und schluchzte: »Oh, mein Gott, mein Gott, vergib mir.«

Gerade eben war ich Zeuge von Gottes Liebe geworden, wie sie sich in der Unschuld eines kleinen Kindes zeigte, das weder Fehler sah noch ein Urteil fällte – ich, die Mutter, sah nur auf die zerlumpten Kleider, während mein Kind tief in die Seele schaute.
Obwohl ich an Gott glaube, war ich in dem Moment einfach blind; mein Kind hingegen konnte sehen. Der alte Mann hatte mich unwissentlich daran erinnert, was das "Fest der Liebe" in Wahrheit bedeutet.


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