DER 11. SEPTEMBER UND DIE ASYMMETRISCHE WELTORDNUNG
Die Schulden des Südens
DER militärische Blickwinkel ist viel zu eng, um Ereignisse wie die Terroranschläge in den USA einzuschätzen und eine wirksame Strategie zu ersinnen, die terroristischen Gruppen ihre Rekrutierungsmöglichkeiten beschneidet. Doch es gibt einen vermittelten Zusammenhang zwischen den kriegsähnlichen Aktionen und der Verelendung, die in weiten Teilen der südlichen Hemisphäre herrscht. Und die hat auch mit den Strukturen der globalen Ungleichheit zu tun, die viele Länder des Südens in die globale "Schuldenfalle" geführt hat. Durch die dramatische Verschuldung des Südens können in weiten Teilen der Welt die Grundbedürfnisse der Menschen nicht mehr befriedigt werden. Was Not tut, ist daher nicht nur ein einmaliger Schuldenerlass für die ärmsten der Länder, sondern die dauerhafte Möglichkeit, ihre Importe in eigener Währung zu finanzieren.
Von SASKIA SASSEN *
* Soziologin an der Chicago University.
Die amerikanische Regierung hat sich dafür entschieden, in den Krieg zu ziehen. Darin zeigt sich, wie wenig unser politisches Führungspersonal begriffen hat, was die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon wirklich bedeuten. Diese Angriffe waren nur die Spitze eines riesigen Eisbergs, der aus Leid, Elend und Tod besteht. Sie verweisen auf die Kriege, die anderswo auf der Welt Millionen von Menschen das Leben kosten. Die mächtigsten Angehörigen unserer derzeitigen Regierung sind tief geprägt von der Ära des Kalten Krieges. Sie betrachten Ereignisse wie die jüngsten Anschläge ausschließlich aus dem Blickwinkel der militärischen Logik. Offensichtlich fällt es ihnen sehr schwer, zwischen der sozialen und wirtschaftlichen Verelendung der südlichen Hemisphäre und diesen kriegsähnlichen Taten einen Zusammenhang zu sehen. Und sie verstehen offensichtlich auch nicht, dass das Verhalten von Ländern wie den Vereinigten Staaten viel dazu beigetragen haben könnte, dass das Leiden und die Wut auf der Südhalbkugel im Laufe der Zeit neue Dimensionen angenommen haben.
Dass Armut und Ungleichheit stetig anwachsen, dass die Verschuldung der Staaten zunimmt, so dass sie immer weniger Mittel für Entwicklungsprogramme zur Verfügung haben - das alles schafft nach meiner Einschätzung die Bedingungen, unter denen Wut und Hoffnungslosigkeit gedeihen.
Der 11. September hat zu einer weiteren Verengung des Blickwinkels geführt. In den ersten Tagen nach den Attentaten war von nichts anderem die Rede als von einem "Angriff auf unseren Way of Life" und von "Missgunst angesichts unseres Wohlstands und unseres Friedens" - als ob es in den Vereinigten Staaten nicht 50 Millionen Arme gäbe, als hätten wir nicht eine der höchsten Mordraten der ganzen Welt. Das Problem sei der Neid des Südens auf unseren Lebensstil, so hören wir. Fast das gesamte Amerika schien sich in dieser Deutung der Ereignisse einig zu sein. Kein Mitglied unserer politischen Führungsriege erwähnte auch nur die Möglichkeit, dass viele Menschen auf der Südhalbkugel das tief sitzende Gefühl haben, unter ungerechten Verhältnissen zu leiden, und dass dieses Gefühl womöglich mit Neid überhaupt nichts zu tun hat. Niemand sagte, dass diese Sicht der Dinge in ihrer extremsten und bösartigsten Form zum Terrorismus führen kann - und dass man sie deshalb nicht einfach ignorieren darf.
Dass es gerade unser Way of Life ist, der auf der Südhalbkugel zu mehr Hunger führt, zu Entwaldung und Verschuldung beiträgt - dieser Gedanke kommt innerhalb des politischen Diskurses nicht einmal als entfernte Möglichkeit vor. Und erst recht nicht der Gedanke, dass sich die Erbitterung nicht gegen unseren Way of Life, sondern gegen die mächtigen Unternehmen und Regierungen des globalen Nordens richten könnte.
Die meisten dieser Länder werden ihre Schulden unter den derzeitigen Bedingungen nicht in vollem Umfang begleichen können. Dafür sprechen unter anderem die aktuelle Struktur dieser Schulden, die Schwierigkeit, sie zu bedienen, und die Belastung, die sie für die betroffenen Volkswirtschaften darstellen. Das Verhältnis von Schulden und Bruttosozialprodukt (BSP) in vielen der am höchsten verschuldeten Staaten ist so ungünstig, dass es einer nachhaltigen Entwicklung im Wege steht. Es ist eine wenig bekannte oder gern übersehene Tatsache, dass viele Länder heute viel extremer verschuldet sind als die lateinamerikanischen Staaten während der großen Schuldenkrise der Achtzigerjahre - und deren Schuldenlast galt damals allenthalben als untragbar. Besonders ungünstig ist die Relation zwischen Verschuldung und BSP in den Staaten Afrikas, wo die Schulden im Durchschnitt 123 Prozent des BSP ausmachen. Hingegen belaufen sie sich in Lateinamerika im Durchschnitt auf 42 und in Asien auf 28 Prozent. Der Internationale Währungsfonds verlangt von den am höchsten verschuldeten Ländern, dass sie bis zu einem Viertel ihrer Exporterlöse aufbringen, um ihre Schulden zu begleichen. Dazu ein historischer Vergleich: Bereits 1953 erließen die westlichen Allierten der Bundesrepublik Deutschland, also dem ehemaligen Gegner, 80 Prozent ihrer Kriegsschulden und begnügten sich mit einem Schuldendienst in Höhe von 3 bis 5 Prozent der deutschen Exporterlöse. Ähnliche Konditionen gelten heute für die ehemals kommunistischen Staaten in Mittel- und Osteuropa.
Was können wir tun, um die hoch verschuldeten Länder aus der Schuldenfalle zu befreien? Arme Länder sind darauf angewiesen, Güter zu importieren. Und der Westen lässt sich dafür nur in Dollar oder in anderen harten Währungen bezahlen. Auf diese Weise reproduziert sich die Schuldenfalle geradezu zwangsläufig. Eine der wenigen Möglichkeiten, das Problem zu neutralisieren, könnte darin bestehen, die Schuldnerstaaten in ihren eigenen Währungen bezahlen zu lassen. Das würde sie in die Lage versetzen, Güter einzuführen, die sie für ihre Entwicklung benötigen, was wiederum - und das ist ganz wichtig - auch ihre Währungen stabilisieren könnte. Aber dies wäre eindeutig nur das Best-Case-Szenario.
Nur wenige arme Länder sind in der Lage, Handelsbilanzdefizite zu vermeiden. Unter 93 Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommensniveau wiesen im vergangenen Jahr nur 11 Handelsbilanzüberschüsse aus. Solche Länder würden gern mehr exportieren, wie etwa die jüngst erfolgte Gründung einer neuen afrikanischen Handelsversicherung beweist, die den Handel mit und innerhalb von Afrika fördern soll. Solche zielgerichteten Anstrengungen sind viel versprechend. Die meisten Länder auf der Südhalbkugel sind darauf angewiesen, Öl, Nahrungsmittel und Industrieprodukte zu importieren. Sie benötigen dafür Kredite, aber wenn sie erst einmal verschuldet sind, gehen die Belastungen für Zins und Tilgung rasant in die Höhe, was wahrscheinlich eine Abwertung ihrer nationalen Währung zur Folge hat. Da diese Länder ihre Kredite in den internationalen Leitwährungen aufnehmen müssen, werden sie mit Sicherheit in der Schuldenkrise landen. Sie sind in einer völlig anderen Position als die reichen Länder. Zwar weisen etwa auch die Vereinigten Staaten ein Handelsbilanzdefizit von 300 Milliarden Dollar auf, aber die USA haben keinerlei Mühe, Kredite zu günstigen Konditionen zu erhalten. Dagegen ist es für ausländische Verleiher ein riskantes Unterfangen, Kredite in den Landeswährungen wenig entwickelter Staaten zu gewähren. Deshalb verlangen diese Geldgeber von Entwicklungsländern viel höhere Zinsen. Für arme Staaten ist genau dies der Weg ins Desaster.
Nötig ist deshalb gerade kein globaler Geldverleiher als letzte Instanz, der reichen Investoren notfalls aus der Patsche hilft. Nötig ist vielmehr ein Kreditgeber der ersten Instanz, der den armen Ländern der Südhalbkugel hilft, in ihrer eigenen Landeswährung all die Güter einzuführen, die ihrer Entwicklung dienen. Der Sinn einer solchen Einrichtung bestünde darin, die Abhängigkeit der Regierungen armer Staaten von privaten Kreditgebern zu verringern, die nur harte Währungen akzeptieren und hohe Zinsen kassieren.
Die Welt rückt immer näher zusammen, ihre Teile sind heute enger miteinander verbunden als je zuvor. Das hat alten Missverhältnissen eine neue Bedeutung verliehen. Und es hat neue Asymmetrien geschaffen. Steigende Verschuldung, Armut und Seuchen auf der Südhalbkugel - das alles greift inzwischen auch auf die reichen Staaten des Nordens über. Heute können wir es uns nicht mehr leisten, wie in der Vergangenheit den vielfältigen Formen des Elends den Rücken zuzukehren. Es mag uns schwer fallen, diese Probleme aus humanitären Gründen ernst zu nehmen. Doch selbst wo es an Altruismus mangelt, müssten handfeste Eigeninteressen als Motivation ausreichen. Unsere Regierung hat die Botschaft der Armut und der Hoffnungslosigkeit bisher nicht verstanden. Doch jetzt wurden zwei unserer eigenen Zivilflugzeuge dazu benutzt, zwei hochkarätige Symbole unserer militärischen und wirtschaftlichen Macht zu zerstören und tausende von Menschen zu töten. Sollte dieses Ereignis nicht endlich den fälligen Erkenntnisprozess in Gang bringen?
aus dem Amerik. von Tobias Dürr