DAS EINMALEINS DER RISIKOFORSCHUNG
Risiken und Nebenwirkungen eines Diskurses
DAS Geschäft mit den Risiken floriert. Je größer und vielfältiger die Ängste der Menschen, umso lukrativer die Gewinne für Versicherungsgesellschaften und Anbieter privater Sicherheitsdienste. Da aber bei den wirklichen Katastrophen der unterschiedlichsten Art kaum je die verursachenden Organisationen, sondern stets der "Faktor Mensch" und sein Versagen verantwortlich gemacht werden, wächst mit der - potenziellen - Schuld des Einzelnen dessen Bedürfnis nach Absicherung nur noch mehr. Wir steigern uns in imaginierte Gefahren, in einen regelrechten Katastrophismus hinein - und fragen uns gar nicht mehr, wo die tatsächlichen Risiken liegen und was wir gegen sie unternehmen können.
Von DENIS DUCLOS *
* Soziologe, Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris. Autor von "Société-Monde, le temps des ruptures", Paris (La Découverte) 2002, und von "Entre Esprit et Corps. La culture contre le suicide collectif", Paris (Anthropos) 2002.
Es vergeht kein Tag, an dem die Medien nicht vor den Gefahren warnen, die das Leben in unserer Gegenwart mit sich bringt. Wir alle wappnen uns gegen den Daueralarm, und das dämpft unsere Lebensfreude. Wir werden zu beunruhigten Bürgern, bepackt mit Phobien, ausstaffiert mit Geborgenheitsritualen, umgeben von gegenseitigem Misstrauen. Welche Mächte lassen wir im Schatten eines solchen Klimas der Belagerung gedeihen? Besteht das wahre Risiko des Risikos nicht darin, das wir das Schlimmste eben damit heraufbeschwören, dass wir uns von seiner Allgegenwart überzeugen?
Das Risiko, ersatzweise an die Stelle der Angst vor Verdammnis oder Hungersnot getreten, wird vor allem als ein Mittel zur Einflussnahme benutzt. Wie kann die Öffentlichkeit - in den Fängen omnipotenter Versicherungskonsortien, in Schach gehalten durch Myriaden von Polizei- und Sicherheitsbeamten, abgeschirmt durch Heerscharen von Vertrauensmanagern, Gesundheitskontrolleuren und psychologischen Beratern, ausgesetzt den dramatischen Voraussagen der Journaille - wie kann diese Öffentlichkeit nur vergessen, dass das Risiko ein gewaltiges Potenzial darstellt, um Profit, Arbeitsplätze und vor allem Macht daraus zu schöpfen?
Gewiss, die Reden widersprechen sich. Die jeweiligen Antagonisten spielen das Risiko ihrer eigenen Aktivitäten herunter und bauschen das der anderen auf: Die Befürworter der Atomenergie ereifern sich über Unfälle im Straßenverkehr oder betonen die Harmlosigkeit der Kernkraft gegenüber dem Treibhauseffekt, den die Ölmagnaten für halb so schlimm erklären. Die Autohersteller kritisieren Bäume am Straßenrand (800 Tote in Frankreich jährlich), und die Investoren verdammen das "Nullrisiko", weil dessen Vorsichtsideologie die Aktionäre entmutige, während die strengen Vertreter des "Null-Fehler-Prinzips" oder die Anhänger der "null Toleranz" hart gegen eine als terroristischer Bodensatz verdächtigte Kriminalität vorgehen wollen.
So bekämpfen sich Versicherer, Militärs und Techniker, Moralisten und Wirtschaftsspezialisten: Jeder sieht es von Gefahren wimmeln, die unmöglich gemeinsam unter Kontrolle zu bringen sind. Je mehr über das Risiko diskutiert wird, umso stärker versuchen die daran interessierten Profis, ihre Anteile am Markt der Ängste zu steigern oder mit größerer Härte zu intervenieren. Der erste Effekt des Risikotheaters besteht darin, dass es die öffentlichen Ängste auf den Siedepunkt bringt.
Der zweite Effekt: Die Großunternehmen schonen sich gegenseitig und verständigen sich darauf, mit dem Finger auf den "Faktor Mensch" zu zeigen - auf den Kapitän des Schlingerkahns, den Total Fina Elf gechartert hat, auf den Arbeiter, der in einer Werkhalle mit explosiven Dämpfen eine Zigarette raucht, auf den Techniker, der vorschriftswidrig mit den Brennstäben eines Kernreaktors hantiert, den Linienflugpiloten, der sich in der Skala irrt, den einfachen Bürger, an dessen Augenhintergrund demnächst identifiziert werden soll, ob er nicht doch ein verkappter Krimineller ist. Weil der Einzelne eine leicht zu treffende Zielscheibe ist, bekommt er die geballte Ladung an Vorsorgemaßnahmen, Schutzvorkehrungen und Repressalien verpasst, während die Organisationen sich aus der Affäre ziehen. Nach den Aufsehen erregenden Prozessen gegen Einzelpersonen praktiziert beispielsweise die französische Blutproduktindustrie weiterhin das so genannte Plasma Pooling, das nachweislich zur Aidsverbreitung beigetragen hat und bei dem nicht auszuschließen ist, dass es die Verbreitung anderer, derzeit nicht aufspürbarer Krankheitserreger fördert. Und die merkwürdig anonymen Tiermehlproduzenten sind trotz der BSE-Krise nach wie vor gut im Geschäft.
Das reale Risiko bezieht sich auf offenkundige Tatsachen, tatsächliche oder potenzielle Ereignisse, die große Bevölkerungsgruppen betreffen: größere Unfälle, Katastrophen, verheerende Epidemien. Dafür bedarf es der Aufklärung, damit den für ihre eigenen Handlungen blinden Organisationen jene "Realität" vor Augen geführt wird, deren Missachtung so fatale Folgen zeitigt. Wenn ein Risiko äußerst real ist, dann wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Katastrophe wiederholt.
dt. Grete Osterwald