ANALYSE EINES GLOBAL PLAYERS
Die Monotonie der Zeichen
Die Digitaltechnik ist auf dem Vormarsch. Der Druck auf Hersteller und Konsumenten, sich in die Welt aus Nullen und Einsen einzufügen, wächst. Damit künftig via Multimedia-Handy ein bestimmter Aktienkurs abgefragt werden kann, damit über die Telefonleitung Fotos gefunkt und über High-Tech-Geräte Musikdateien heruntergeladen werden können und damit, nicht zuletzt, die Kommunikationstechnologie-Unternehmen bei all diesen Prozeduren ihren Profit abschöpfen können, konzentriert sich derzeit alles auf die Frage der "Konvergenz", auf die Vereinheitlichung an den Schnittstellen von Inhalt, Programmen und Technologien.
Von DAN SCHILLER *
* Professor an der University of California, San Diego, Autor von "Digital Capitalism", Cambridge, Mass. (MIT Press), 1999.
IM Lauf der vergangenen 25 Jahre sind die traditionellen Medien - analoges Radio und Fernsehen eingeschlossen - zunehmend durch neue Technologien verdrängt worden. Nach einer US-amerikanischen Erhebung vom Frühjahr 2000 empfangen 79 Prozent der Haushalte Kabel- oder Satellitenfernsehen, 59 Prozent besitzen einen PC, 53 Prozent ein Handy, und 29 Prozent surfen fast täglich im Internet. Hinzu kommen DVD- und MP3-Player für Film beziehungsweise Musik, Faxgeräte, digitale Assistenten, Spielekonsolen, CD-Brenner und dergleichen mehr.
Die Vermarktung der neuen Medien läuft unter dem Stichwort "Innovation". Dahinter verbirgt sich jedoch weit mehr, nämlich eine grundlegend neue Technologie, deren Folgen in ihrem Ausmaß erst ansatzweise abschätzbar sind. Die Digitaltechnik erlaubt es, einen immer größeren Teil der menschlichen Erfahrung mehr oder weniger realistisch im "Esperanto der Nullen und Einsen"(1) abzubilden. Ihre unwiderstehliche Kraft bezieht die Digitalisierung aus den wirtschaftlichen und strategischen Vorteilen dieser Technik: weiträumige Datenübertragung, exakte Signalreproduktion, flexible Speicher- und Verarbeitungstechniken.
Mit der Digitalisierung kam ein Prozess umfassender Medienkonvergenz in Gang. Während die analogen Medien naturgemäß nur einen Informationstypus übertragen können - Telefon und Radio nur Ton, Presseerzeugnisse nur Text, Fernsehen nur Bilder -, eignet sich die Digitaltechnik für eine breite Palette von Kommunikationsleistungen, die ausnahmslos auf Nullen und Einsen reduziert werden. Ob Fernseher, Computer, Handy oder Spielekonsolen, in den meisten Geräten der Konsumelektronik stecken ungeachtet ihrer unterschiedlichen Funktionalität oft dieselben Komponenten.
Die Konvergenz der digitalen Medien hat die weitgehend oligopolistisch organisierten Einzelmärkte der klassischen Medien destabilisiert. Den führenden Unternehmen der Kommunikationsbranche blieb keine andere Wahl, als nach Lösungen zu suchen, um Art und Geschwindigkeit des Wandels in den Griff zu bekommen. Sie fusionierten zu Multimediakonzernen des Typs AOL-Time-Warner-CNN und Vivendi-Universal(2) und bemühten sich, das Internet in bestehende Angebote und Dienstleistungen zu integrieren, vor allem aber den Umbruch so zu gestalten, dass er möglichst viel Profit abwirft.
dt. Bodo Schulze
Fußnoten:
(1) Die Formulierung stammt von Jim Davis und Michael Stack: "The Digital Advantage", in: Davis, Hirsch und Stack (Hrsg.), "Cutting Edge: Technology, Information, Capitalism and Social Revolution", London (Verso) 1997.
(2) Dazu Dan Schiller, "Vivendi schluckt Universal", Le Monde diplomatique, Januar 2001.
(3) Dazu Philippe Rivière, "Die Rattenfänger des Internet", Le Monde diplomatique, Juni 2000.
(4) Vivendi will zwar auch den Spielemarkt erobern, aber nicht über eine patentierte Spielekonsole. Die Angebotspalette der Vivendi Universal Computerspiele enthält im Übrigen auch das durch Robert Steinhäuser zu trauriger Berühmtheit gelangte Counter-Strike.
(5) Dazu Yves Eudes, "Qui a peur de Kazaa", Le Monde, 28. Februar 2002.